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Projekt C1 – 1. Förderphase

Berufliche Belastungserprobung als integrierter Bestandteil der psychosomatischen Rehabilitation -Evaluation im Rahmen eines randomisierten Kontrollgruppendesigns: Indikationen, Prädiktoren, Wirksamkeit"

  • Projektbereich
    • Projektbereich C - Schnittstellenprobleme in der rehabilitativen Versorgung
  • Personen und Institutionen (Teilprojekt C1a)
    • Dr. phil. Egon Kayser Psychosomatische Klinik, Rhön-Klinikum, Bad Neustadt/Saale
    • Prof. Dr. med. Dipl. Psych. Manfred Beutel Klinik für Psychosomatik und Psychotherapie, Universität Gießen
    • Dr. med. Franz Bleichner Psychosomatische Klinik, Rhön-Klinikum, Bad Neustadt/Saale
  • Personen und Institutionen (Teilprojekt C1b)
    • Dr. med. Dr. phil. Andreas Hillert Medizinisch-psychosomatische Klinik Roseneck
    • Dr. med. Dipl. Psych. Ulrich Cuntz Medizinisch-psychosomatische Klinik Roseneck
    • Dipl. Soz. Päd. Bernd Froben Medizinisch-psychosomatische Klinik Roseneck
    • Dipl. Soz. Päd. Christa E. Heldwein Medizinisch-psychosomatische Klinik Roseneck
  • Laufzeit
    • -
  • Kontakt
    (Teilprojekt C1a)
  • Kontakt
    (Teilprojekt C1b)

Hintergrund

Die Frage, ob Patienten im Anschluß an eine Psychosomatische Rehabilitation die Bewältigung beruflicher Belastungen gelingt, hat noch zuwenig Beachtung gefunden. Aufgrund klinischer Erfahrungen und neuerer Untersuchungen ist davon auszugehen, daß vor allem Patienten mit langer Arbeitsunfähigkeit oder Arbeitslosigkeit spezifische therapeutische Hilfen brauchen, um denberuflichen Wiedereinstieg zu bewältigen. Daher wurden an den Psychosomatischen Kliniken Bad Neustadt / Saale und Roseneck unabhängig Behandlungskonzepte einer „Beruflichen Belastungserprobung„ entwickelt. Patienten können behandlungsbegleitend in einer berufsfeldspezifischen, unentgeltlichen Tätigkeit ihre Leistungsfähigkeit erproben, eine realistischere Selbsteinschätzung entwickeln und in der Therapie erarbeitete berufliche Bewältigungsstrategien anwenden.

Ziele und Fragestellungen

Ziel ist die Evaluation der Effektivität und Effizienz der integrierten Beruflichen Belastungserprobung im Rahmen eines verhaltenstherapeutischen (Klinik Roseneck) und eines tiefenpsychologischen Ansatzes (Bad Neustadt). Die Hauptfragestellungen lauten:

  1. Welchen Einfluß hat die Berufliche Belastungserprobung (BE) auf die Erhaltung und Wiederherstellung der Arbeitsfähigkeit, Rückkehr ins Erwerbsleben und berufsbezogene Motivation?
  2. Für welche Patienten ist die BE indiziert, und
  3. was sind Prädiktoren für die erfolgreiche Rückkehr ins Erwerbsleben? Übereinstimmendes Forschungsdesign und Meßverfahren in beiden Teilprojekten ermöglichen die therapieschulenübergreifende Prüfung des Behandlungskonzepts und den Transfer zu anderen Kliniken mit unterschiedlichen therapeutischen Ausrichtungen.

Studiendesign/Instrumente

Es handelt sich um eine prospektive, randomisierte Studie. In beiden Kliniken werden jeweils 100 Patienten, die die gemeinsamen Screeningkriterien für die BE-Teilnahme erfüllen, der Interventions- und der Kontrollgruppe zugewiesen. Die Befragung erfolgt zur Aufnahme, vor Entlassung und 3 und 12 Monate nach Entlassung mit den projektübergreifenden Skalen des Bayerischen Forschungsverbundes; zusätzlich werden spezifische Meßverfahren zu beruflichen Belastungen und Einstellungen erhoben. Selbsteinschätzungen der Leistungsfähigkeit werden zur Mitte und dem Ende der BE mit den Beurteilungen der betrieblichen Vorgesetzten an der Praktikumsstelle verglichen.

Teilprojekt C1a: "Die Belastungserprobung im Rahmen eines tiefenpsychologischen Behandlungsstettings"

Gelingen oder Mißlingen der beruflichen Integration stehen in enger Wechselbeziehung zu psychosomatischen Störungen: Psychosomatische Erkrankungen zählen zu den Hauptursachen für Arbeitsunfähigkeit und Frühberentung; umgekehrt treten psychosomatische Störungen häufig als Folge beruflichen Scheiterns auf. Selbst wenn eine deutliche Symptombesserung in der stationären psychosomatischen Rehabilitation erzielt wird, führt dies nicht zwangsläufig zu einer besseren beruflichen Wiedereingliederung, wenn die Auseinandersetzung mit anstehenden konkreten beruflichen Anforderungen vermieden wird, oder bereits längere Arbeitsunfähigkeit oder Arbeitslosigkeit das Selbstvertrauen in die eigene Leistungsfähigkeit gemindert haben und konkrete Arbeitsfähigkeiten verlernt wurden.

Aufgrund dieser Erfahrungen wurde in der Psychosomatischen Klinik Bad Neustadt/Saale das Programm der Beruflichen Belastungserprobung entwickelt, das für diese Patientengruppe ein ca. 4-wöchentliches betriebliches Praktikum und dessen therapeutische Aufarbeitung vorsieht. Eine Verlaufsstudie mit 80 Patienten ergab eine Besserung der Arbeits- und Leistungsfähigkeit in der Selbsteinschätzung, der Fremdbeurteilung durch die betrieblichen Vorgesetzten und der sozialmedizinischen Beurteilung, die auch in der Katamnese nach 7 Monaten erhalten bleibt.

Erste Ergebnisse des Projekts C1a

In der Psychosomatischen Klinik Bad Neustadt (tiefenpsychologischer Ansatz) erfüllten 329 von insgesamt 1590 gescreenten Patienten die Einschlusskriterien und wurden randomisiert der Interventions- bzw. Kontrollgruppe zugewiesen. Entsprechend den Hypothesen berichte­ten Teilnehmer der Interventionsgruppe bei Entlassung positivere berufsbezogene Einstellungen, die in den bislang vorliegenden Katamnesedaten jedoch nicht stabil blieben. Wie vorhergesagt, bestand bei BE-Teilnehmern verglichen mit Nichtteilnehmern bei Entlassung kein Unterschied bzgl. anderer Behandlungsbeschwerden. Teilnehmer an der BE entwickelten im Verlauf des Praktikums ein positiveres Selbstbild und schätzten ihr Arbeitsverhalten sowie sozialkommunikative Fähigkeiten realistischer ein. Sie näherten sich damit dem insgesamt positiveren Fremdurteil durch den Anleiter an. BE-Teilnehmer wurden am Ende der Behand­lung häufiger in berufsbezogene Reha-Maßnahmen vermittelt.

Aus den bisherigen Ergebnissen der 3-Monats-Katamnese wissen wir, dass zu diesem Zeit­punkt nur ein Teil der Patienten in das Erwerbsleben zurückgekehrt ist. Ein Teil der ehemali­gen Patienten war sehr darüber enttäuscht, trotz intensiver Bemühungen keine geeignete Ar­beitsstelle zu finden oder nicht dauerhaft seinen Arbeitsplatz ausfüllen zu können, andere äu­ßerten sich erleichtert, nicht mehr arbeiten zu müssen.

Nach 12 Monaten zeigten sich erste positive Befunde hinsichtlich der beruflichen Wiedereingliederung. Betrachtet man die Veränderung der Beschäftigung zwischen der Auf­nahme in die Klinik und der 12-Monats-Katamnese, so ist folgendes zu beobachten: Der An­teil der Berufstätigen hat v.a. unter den BE-Teilnehmern zugenommen, während der Anteil der Arbeitslosen abgenommen hat. Bei den Patienten der Kontrollgruppe bzw. denjenigen, die nicht an der BE teilgenommen haben, zeigt sich dieser Trend nicht. Es findet sogar ein leich­ter Rückgang in der Beschäftigung, verglichen mit dem Zeitpunkt der Aufnahme in die Kli­nik, statt. Nach Klinikentlassung ergaben sich in der 12-Monats-Katamnese weitere bedeut­same Unterschiede zwischen Interventions- und Kontrollgruppe. Es war zu beobachten, dass die BE-Teilnehmer seltener und kürzer arbeitsunfähig waren als die Patienten der anderen beiden Untersuchungsgruppen.

Es lässt sich also zum aktuellen Zeitpunkt zusammenfassen:

  • Teilnehmer an der Belastungserprobung berichteten am Ende der Behandlung positivere berufliche Einstellungen und Prognosen für die Wiederaufnahme der Tätigkeit
  • 3 Monate nach Entlassung zeigten sich noch keine Unterschiede hinsichtlich der beruflichen Wiedereingliederung in den Untersuchungsgruppen
  • 12 Monate nach Entlassung war eine Zunahme der Beschäftigung bei den Teilnehmern an der BE und eine Abnahme in der Kontrollgruppe sowie bei den Verweigerern/ Abbrechern der BE zu beobachten.
  • 12 Monate nach Entlassung war die Arbeitsunfähigkeitsdauer in der Gruppe der BE-Teilnehmer am niedrigsten.

Teilprojekt C1b: "Die Belastungserprobung im Rahmen eines verhaltenstherapeutischen Behandlungsstettings"

Aus verhaltenstherapeutischer Perspektive ermöglicht eine parallel zur stationären Behandlung durchgeführte externe BE, vor dem Hintergrund einer kognitiven und emotionalen Aktualisierung arbeitsbezogener Probleme, eine funktionelle Diagnostik der berufsbezogener Verhaltensmuster. Für die Patienten ergibt sich die Möglichkeit ihre Leistungsfähigkeit zu erproben, Ängste im Sinne eines konfrontativen Vorgehens zu bewältigen und die im stationären Setting erarbeiteten Strategien im Umgang mit potentiell belastetenden Situationen und Konstellationen unter realen bzw. der Realität angenäherten Bedingungen zu üben.

In der verhaltenstherapeutischen Klinik Roseneck werden seit 1985 regelmäßig BE´en durchgeführt. Von gesetzlichen und privaten Krankenkassen sowie von den Rentenversicherungsträgern belegt, wird ein breites Spektrum psychosomatischer und psychiatrischer Krankheitsbilder behandelt. Schwerpunkte bilden dabei Eßstörungen, Depressionen, Angst-, Schmerz- und Somatoforme Störungen. Von dem Sozialdienst der Klinik wurden zu zahlreichen Arbeitgebern in der Umgebung Kontakte aufgebaut, so daß nun ein breites Spektrum unterschiedlicher Arbeitsbereiche angeboten werden kann. In einer ersten Evaluation wurden die Verläufe von 80 PatientInnen dokumentiert, wobei unter anderem deren Selbst- und Fremdeinschätzung durch die Vorgesetzten einander gegenüber gestellt wurde. Niedriges Lebensalter, weibliches Geschlecht und Büroberufe erwiesen sich als positive Prädiktoren der BE. Patienten mit und ohne Rentenwunsch unterschieden sich in der Beurteilung durch die Vorgesetzten hinsichtlich Arbeitsbewältigung und Leistungsvermögen nicht, in der Selbstbeurteilung hingegen schätzen sich die Patienten mit Rentenwunsch signifikant schlechter ein. Patienten bewerteten die BE insbesondere dann als hilfreich, wenn sie sie hinsichtlich des Anforderungsprofiles als realitätsnah erlebt hatten. Die im Rahmen der Voruntersuchungen dokumentierten Aspekte führten zu Modifikationen der BE-Durchführung und gingen in den vorliegenden Projektantrag ein.